Imaginalscheiben

Eine Begegnung mit dem Ausstellungsraum Penny Stocks

Eva Clara Tenzler

November 2022

Die Metamorphose ist ein Transformationsprozess von Grenzlinien. Dort wo sich Unterscheidungen auflösen, entstehen komplexe Musterbildungen, die ihr autopoeitisches Moment kartographieren. Neue Eigenschaften bilden sich im Zusammenspiel der systembezogenen Elemente, die im isolierten Zustand andere Merkmale aufweisen.

 

Weiche Materie ist eine kondensierte Phase, die weder als fest noch als flüssig bezeichnet werden kann. Unsere Haut ist eine solch nichtlineare, selbstorganisierte und bewegliche Struktur, die unsere Außengrenze bildet. Es gibt Körpermaterial, das an dieser Übergangslinie entsteht, das wir als abstoßend empfinden.

Hautschuppen, Haare oder Nägel, insbesondere von anderen Personen, können Ekel erregen und Widerstand auslösen. Der Ekel gilt nicht bloß als Affekt, sondern auch als Instinkt. Die Reaktionen auf Geruch, Geschmack und Anblick werden als angeboren bezeichnet und entwickeln sich im Laufe der individuellen Sozialisation. Das Moment des Ekels ist die Veräußerung einer Empfindung in eine Bewegungsrichtung hinein – ein Ausdruck der Gemütsbewegungen, der uns durch anerzogene Tabugrenzen vor Krankheiten schützen möchte. Wir sind Ausgesetzte.



Eine Verletzung (oder Trauma von altgr. τραύμα ‚Wunde‘) durchdringt und öffnet unsere Umrandung, schneidet oder reißt sich zwischen das weiche Gewebe. Wir unterscheiden zwischen der Defektheilung und der Wiederherstellung der Unversehrtheit. Die Medizin kennt einen vollständigen Ausheilungszustand in den Zustand des Körpers vor einer Verletzung: Restitutio ad integrum (Wiederherstellung der Unversehrtheit). Wir gehen davon aus, es gäbe einen Zustand null und nennen es auch die Reversibilität einer Erkrankung. Unversehrt.

Die Restitutio ad functionem (Wiederherstellung der Funktion) oder auch Reparatio (Defektheilung) bezeichnet die Besserung eines Gesundheitszustandes mit verbleibenden Beeinträchtigungen, die eine Narbe oder eine Funktionseinbuße hinterlassen hat. Repariert.

 

Eine Narbe entsteht nach der Zerstörung des tieferliegenden kollagenen Netzwerks der Haut als faserreiches Ersatzgewebe. Aus der komplexen Verflechtung des Zellmaterials wird nun eine parallele Anordnung neuer Zellstrukturen, die zu Beginn mit vielen Blutgefäßen durchzogen ist. Es gibt einen Endzustand der Wundheilung. Bei starken Belastungen der Struktur können im späteren Leben Narbenbrüche entstehen. Ihr Mangel an Elastizität bildet die Bruchpforte.

 

Die Metamorphose einer Begegnung liegt in ihrer Grenze. Ein bebendes Ausloten einer Linie, Umrisse der Vielheiten und verstoßener Weißraum in der Struktur. Aufbrechen in das Fleisch und Niederreißen eines Randes. Ein Haltepunkt, den Du nicht



übertreten kannst und ein undulierendes Einschwingen in das wellenförmig Lineare, das sich verläuft. Ältere Entwicklungsstadien überdauern nur im Gespinst, das seine Hautschichten ineinander verschränkt - und hier unterbleibt die Nahrungsaufnahme bevor die Verpuppung beginnt. Sie ist der letzte Akt der Häutung, der sich vor dem freien Fall vollzieht. Ein bewegungsloses Übergangsstadium der Fraßgänge entsteht und die entdifferenzierte Masse entweicht dem imaginalen Körper.

 

Stillendes Licht, das im Dunkel gebärt und neue Ränder formt. Ein Reißen, ein Ausdrehen und das Verwirbeln des endlosen Tropfens in das ewige Ganze. Fleisch geworden und aufgespalten in einer leuchtenden Haut, die das Offene umschließt. Vereinigung im Rastlosen, autonomer Abbruch und drängende Nähe – ein Hautkontakt, der nicht weiterkann und der Wunsch nach dem auflösenden Schwinden in eine tiefe Weite. Leichte Eingriffe der Richtungsverlagerung des Einen in den Anderen und an unserer Grenze wird es skulptural.

 

Die Gestalt als Gewölbe einer fallenden Struktur - wenn Du zeichnen würdest, wärest Du meine Bildlinie. Ich habe vieles für selbstverständlich gehalten und dann waren wir zusammen in diesem unsicheren Raum. Als bewegtes Standbild pendelt die Erscheinung im Äußeren, die sich schließlich in die innere Vorstellungswelt auflöst. Deine Kraftverlagerung ist unser Reibungspunkt und die geäderten Schichtungen unserer Haut werden zur Stätte unseres Ereignisses.



 

Es gibt die einsame Stille, die aus der Linie bricht. Die wankende Zerstreuung eines Lichtpunktes, der der Vibration standzuhalten versucht. Ein Moment, der mit dem Erkalten eines Tones in einem Klangteppich wiederkehrt. Ein sich Aussetzen der eigenen Bewegung in der Form, eine Raumerkundung, in der das Bild zu vibrieren beginnt. Wir sind ein Verbinden und Verweben, Randloswerden und Durchdringen von Strukturen. Landschaften ohne Bezeichnung und lineare Abbrüche als Gestalten. Das Andere, das mich anblickt – und ich blicke zurück.

 

Unsere Gegenseitigkeit ist ein summender Ordnungsprozess, den wir Bewegung nennen. Ein Randstein wird zum Gegenstand, der uns halten könnte in unserem drängenden Treiben nach Vereinigung.

Doch da gibt es eine leise Zwischenzone, in der wir uns sehen können, weil keine Struktur mehr rändert und Formen sich miteinander verirren dürfen. Als Kartei der Sensorik wollen wir Form geben, suchen Sinngestalt. Die Öffnung der epidermischen Antwort liegt zwischen den Körpern im Verlangen nach einer Kartierung unserer Sinneslinien. Wir setzen uns aus in das Bewegte.



Literatur:

Buber, Martin: Ich und Du, Reclam Verlag, Stuttgart 1995.

Darwin, Charles: Der Ausdruck der Gemüthsbewegungen bei den Menschen und den Thieren, Stuttgart 1872.

Musil, Robert: Vereinigungen, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1990. Nancy, Jean-Luc: Corpus, diaphanes Verlag, Zürich-Berlin 2014.

Varatharajah, Senthuran: Rot (Hunger), S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2022.